Märchen für Erwachsene

VERWANDELT

von Lauren Slater

Eins hatte ich, eine Flasche, in der meinen Mann aufbewahrte. Sie war aus grünem Glas. Eines Nachmittags fand ich ihn da drin, geschrumpft wie eine eingelegte Schnecke, die Knie bis unters Kinn angezogen. „Jack“, sagte ich.

Es gab keine Antwort. Er schaute mich nicht mal an. Blickkontakt ist das Mindeste, was ich von einem Menschen erwarte. „Ich liebe dich, Jack“, sagte ich, aber in Wahrheit liebte ich ihn nicht mehr. Die letzten Jahre waren schlimm gewesen. Seine Erfindungen waren allesamt ein Reinfall. Seine Aktien waren den Bach runtergegangen. Er war ein Versager. Also nahm ich einen Gummipfropfen aus der Küchenschublade und korkte ihn in seiner Miniaturwelt ein. Ich brauchte nicht lange – wahrscheinlich nur ein paar Minuten –, um festzustellen, wie viel schöner unser Leben sein konnte, wenn mein Mann in der Flasche wohnte. Sie war bestens ausgestattet mit einem winzigen Bett, einem klitzekleinen Schaukelstuhl und einem Küchentisch, auf dem ein Fitzelchen Schinken lag. Den ganzen Frühling und Sommer hindurch blieb mein Mann dort.

Er las stundenlang Zeitungen und führte Gespräche an einem MiniaturTelefon wahrscheinlich Geschäftsgespräche, um sein geschäftliches Geschick umzuwenden.

Ohne Erfolg. Manchmal weinte er, aber es war so viel leichter, einen winzigen Mann weinen zu sehen als einen großen. Ich konnte ihn trösten. Ich legte dann die Flasche ins Abwaschbecken und ließ sie sanft im warmen Wasser schaukeln, bis er einschlief. Er sagte: „Sue, du bist gut zu mir“, und ich muss gestehen, dass ich ihm zustimmte. Ich spürte meine Stärke und Überlegenheit, und erfreulicherweise änderte sich der Charakter meines Mannes. Mit einem Wort, seine Schwächen – die uns vordem so stark belastet hatten –, spielten keine Rolle mehr. Es war nicht das Versagen eines Mannes, sondern das Scheitern eines Kindes, für das ich Sorge trug. Aufgrund der Flasche begann ich meinen Mann erneut zu lieben. Die Zeit verging. Wir lebten in harmonischem Frieden, allerdings weinte mein Mann nicht wenig. Er war nah am Wasser gebaut. Ich stellte die Flasche auf das Fensterbrett in unserem Schlafzimmer, wo sie nachts ein leises Summen von sich gab. Manchmal wachte ich im Dunkeln auf und erblickte meinen Mann in einer Art Lichtglocke, wie er einen winzigen roten Zug oder einen Hefter, nicht größer als meine Daumenspitze, in der Hand hielt. Wo er diese Dinge herhatte oder welchen Sinn sie hatten, bekam ich nie heraus. Einmal wachte ich auf, und der Vollmond leuchtete ihn an. Er pulsierte geradezu vor Licht, und ich fragte: „Jack, was machst du?“ Aber er hatte zu viel zu tun und antwortete nicht. Er hatte einen Hammer und ein paar Nägel. Mit senktem Kopf schien er irgendwas zu bauen, von dem ich allerdings wusste, dass daraus nie etwas werden würde. Ich muss zugeben, dass Jack zuzeiten tiefe Depressionen hatte, dann lag er auf seinem Bett und starrte die grüne Glasdecke an oder trommelte mit seinen Fingern gegen die Glaswand. Tadum, tadum, tadum. Ich mochte das Geräusch. Trotz oder vielleicht sogar wegen seiner Traurigkeit zähle ich diese Jahre zu den guten unserer Ehe. Da er eingesperrt war, ging ich aus dem Haus und suchte mir einen Job. Ich verdiente viel Geld und legte es gut an. Ich ließ meinem grünen Daumen freien Lauf, so dass Pflanzen mit riesigen, fettglänzenden Blättern sich an den Wänden unseres Wohnzimmers emporrankten. Ich nahm Gesangsstunden und entdeckte, dass ich große Lungen habe, und manchmal am Morgen, wenn ich mich für die Arbeit fertig machte, sang ich eine Arie, und Vögel mit nassen Flügeln versammelten sich auf den Fensterbänken, um zuzuhören. Jahre vergingen. Jack wurde seltsam friedlich. Oft starrte er tief in Gedanken versunken die Welt durch seine durchsichtigen Wände an. Winzige Büchlein und Basalholzstücken, Knöpfe und klitzekleine goldene Füllfederhalter lagen bei ihm herum. An manchen Tagen schrieb er wie verrückt von morgens bis abends. Er fing an zu malen und danach Geige zu spielen. Zuerst klang seine Musik schräg und unsicher, doch mit der Zeit beherrschte er das winzige Instrument; er spielte Händel und Wagner, Beethoven und Brahms, strich den Bogen virtuos, seine Ellbogen flog hin und her, ein Samttüchlein klemmte unter seinem Kinn. Er machte mich gereizt, aber ich wusste nicht, warum.

Und dann geschah Folgendes. Eines Tages kurz nach seinem vierundvierzigsten Geburtstag kam ich von der Arbeit zurück. Er spielte Requiem für die Toten. Ich setzte mich ans Bett und beobachtete ihn. Als er fertig war, klopfte er ans Glas und sagte: „Sue, es ist Zeit, dass ich hier hinauskomme.“

Es schnürte mir die Kehle zu. „Warum willst du heraus?“, fragte ich. „Du hast deine ganze Welt da bei dir drinnen und unsere Ehe ist so harmonisch.“

„Was für eine Ehe soll das denn sein!, fragte er, „du auf der einen Seite der Wand und ich auf der anderen?“

„Ach komm, hör auf“, sagte ich „Das ist doch bei vielen Paaren so. Sie wohnen in getrennten Wohnungen, an verschiedenen Küsten, Herrgott noch mal. Unser Arrangement ist wirklich nichts Besonderes.“

„Ich habe die Nase voll davon“, sagte er „Ich will hier nicht länger herumsitzen und mich wie ein Versager fühlen. Ich habe damit abgeschlossen. Ich will raus. Und zwar sofort!“

Und bevor ich ihn aufhalten konnte, zwängte er sich hoch, den Kopf im Flaschenhals. Seine Füße zappelten frei im Bauch der Flasche. Ich dachte: „Oh Gott, bitte nicht.“ „Jack, tu’s nicht!“, rief ich, aber zu spät, der Korken ploppte heraus, und sein Kopf kam zentimeterweise über dem dicken Glasrand zum Vorschein, sein Gesicht von der engen Öffnung ganz zerquetscht. Er zog seine Beine an, trat gegen die glatten Wände seiner gläsernen Welt und stemmte sich hinaus. Er schnappte nach Luft und plumpste auf den Boden. Er stand auf, immer noch winzig, und wischte sich mit den Hemdsärmeln die Augen.

„Fuck“, sagte er.

Dann begann er zu wachsen.

Ich begann zu weinen.

“Verdammte Flasche“, sagte er mit 1,20 m.

„Zur Hölle damit“, sagte er mit 1,65 m. Als er seine alte Größe von 1,80 m erreicht hatte, wischte er sie vom Fensterbrett, so dass sie in tausend Teile zersprang.

„Du Idiot!“, rief ich. „Du bist erst fünf Minuten draußen, und schon machst du alles kaputt.“ Ich schnappte einen Besen und kehrte die Splitter zu einem glitzernden Haufen zusammen. Ich kehrte seinen Schaukelstuhl und seinen Sessel, sein winziges Bettchen und das Fitzelchen Schinken zusammen.

„Schmeiß es weg“, sagte er. Seine Stimme war tiefer und selbstbewusster, als ich sie je gehört hatte. Er stand sehr aufrecht. Aus irgendeinem Grund war mein Mann nun wie ein Matador gekleidet. Er trug ein rotes Cape und eine seidene Jacke mit roten Stickereien an Kragen und Manschetten. Er trug Pluderhosen in hüfthohen Stiefeln, und ein silberner Degen steckte in seiner Scheide. Die Luft knisterte. Er hatte sich verändert. Ich war glücklich und entsetzt zugleich und starrte ihn unverwandt an.

Winzig sah ich mich in seinen Augen!

***

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