„Mein Körper lebt hier, meine Seele da drüben.“

Psychoanalytisch- kulturübergreifende Kunsttherapie mit Frauen



Vorweg ein wichtigen Hinweis, der mir am Herzen liegt. Ich achte sehr darauf das Wort „Migrantinnen“ oder "mit Migrationshintergrund" nicht zu benutzen. Aus meiner Perspektive arbeite ich mit Frauen mit Migrationsgeschichten (bzw. aus verschiedenen Herkunftsländern) und nicht mit Geflüchteten, Migrantinnen oder gar Ausländerinnen. Allein diese Bezeichnungen nur stigmatisieren. Aus meiner Sicht ist eine geteilte Gesellschaft keine offene Gesellschaft. Im Laufe meiner kunst/therapeutischen Arbeit habe ich viele Betroffene erlebt, die einfach nur Frauen sein wollen. Sie wollen keine Migrantinnen und vor allem keine Geflüchteten mehr sein. Eine Migrationsgeschichte ist letztendlich eine Lebenserfahrung und macht deshalb nur ein Teil eines Menschen aus - nicht seine ganze Person. "Mit Migrationshintergrund" bedeutet für mich, meine Migrationsgeschichte im Hintergrund zu bleiben. Darüber können wir viel diskutieren und analysieren: Die Wahrnehmung der Sprache und deren Einfluss.


Mein Name ist Antoaneta Slavova und ich bin Kunsttherapeutin mit Migrationsgeschichte. Wenn ich mit Menschen anderen Herkunftsländern arbeite, betrachte ich ihre Migrationsgeschichte als eine Ressource. Deshalb entwickelt sich mit mir selbst mit deutschen Klientinnen quasi immer eine transkulturellen Kunsttherapie.


In den letzten vierzehn Jahren arbeitete ich in einem Beratungszentrum für Frauen und Mädchen mit Gewalterfahrung. Inzwischen besitze ich die kunsttherapeutische Praxis für emotionale Gesundheit. Es geht dabei ganzheitlich um das Thema Gesundheit und vor allem bei den Fachkräfte aus den sozialen/helfenden Berufen, sowie den Heilberufen und deren Emotionen. Ich habe die Erfahrung damit und es ist mir bewusst, was bedeutet mehr die anderen im Blick zu haben. Manchmal ist sogar bequemer zu sagen „Ich habe jetzt echt viel Wichtiges zu tun, nämlich die Welt zu retten, statt mich selbst. Das Ziel meiner kunsttherapeutischen Tätigkeit ist, es Lösungen und Wege zu einer gesunden emotionalen Balance zu finden und diese bewusster in die Gesellschaft zu transportieren.

Wie erreichen wir das durch die Methoden der Kunsttherapie in einem kulturübergreifenden Sinn?


Neben der kunsttherapeutischen Arbeit mit den Klientinnen, berücksichtige ich in jeder Hinsicht auch die Position der Frau in unserer Gesellschaft und das Übertragungsgeschehen zwischen mir, als Kunsttherapeutin und der Klientin. Dafür nutze ich auch das Wissen der Ethnopsychoanalyse. Für die Arbeit mit einer Frau aus einem anderen Land ist mir nicht nur die familiäre Konstellation der Klientin wichtig, sondern auch die Kultur und die jeweiligen Gesellschaft. Die Kultur spielt eine enorme Rolle dabei. Die Ethnopsychoanalyse ermöglicht eine reflexive, kritische Überprüfung der eigenen Gesellschaft. Eine kulturübergreifende kunsttherapeutische Arbeit muss deshalb aus ethnopsychoanalytischem Standpunkt betrachtet werden. Das ermöglicht einen anderen Blick auf den therapeutischen Prozess. Darüber hinaus sind die Prozesse Übertragung und Gegenübertragung wichtige Ereignisse in einer psychotherapeutischen bzw. psychoanalytischen Beziehung. Wenn dieser Prozess zwischen zwei verschiedenen Kulturen entsteht, dann haben die Sensibilität und das Geschehen einen höheren Bedeutungswert. Eine Ethnologin interessiert das Fremde. Sie kommt zu Erkenntnissen einer der fremden Kultur, weil sie fremd ist. Das nutze ich als Wissen, um mich für die andere Kultur zu sensibilisieren. So entsteht eine kulturübergreifende, oder transkulturelle Kunsttherapie. Beispiele dazu folgen weiter unten.


Kunsttherapeutische Methoden, ihre Verwendung und der Umgang im therapeutischen Setting können eine Weiterentwicklung erfahren, wenn die Kultur des Gegenübers, seines Herkunftslandes als Ressource berücksichtigt wird. Jede ethnische Gesellschaft hat ein spezifisches Bildgedächtnis, dass sich aus der Geschichte, Kultur und den Erfahrungen seines Landes speist (Natur, Erziehung, Architektur, Rituale, Religion, Kunst etc.). Eine psychische Reaktion mag ähnlich sein, aber die Verarbeitung ist aus dem kulturell-gesellschaftlichen Zusammenhang unterschiedlich. So können Bilder einer Frau aus einem fremden Land anderes erzählen, als der einheimische (Kunst)Therapeut vermutet oder imaginiert. Als Mittel zur Suche nach einem Verstehen oder dem Austausch über das Gewesene werde ich als Kunsttherapeutin neugierig. Ich begegne diesen Frauen mit großer Neugier und ich lasse sie erzählen, über ihre Kultur, Kunst, Ritualen etc. Dann bekomme ich auch ein Bild voller Farben deren Kultur und Identität und anderseits entsteht ein Vertrauen, zwischen mir und der Klientin. Die Klientin fühlt sich gesehen und wir arbeiten gemeinsam mit den Ressourcen, die sie mitgebracht hat.

Wie arbeitete ich kunsttherapeutisch?


In den letzten Jahren konnte ich überwiegend Erfahrungen mit Frauen aus West- und Südasien sammeln. Viele Asiatinnen schmücken z.B. gern ihre Hände und in zahlreichen orientalischen Ländern bemalen sie diese mit Henna. Mit den Händen nehmen sie alles wahr und auch intensiver Kontakt mit anderen auf als beispielsweise in der Deutschen Kultur üblich ist. Die Malübung „Hände malen lassen“ aktiviert eine bewusste Wahrnehmung mit dem eigenen Körper. Es entsteht schnell ein Vertrauen, gegenüber sich selber und den anderen. Diese Übung eignet sich sehr gut auch für Analphabetinnen, welche kaum in der Schule waren.

Wenn ich mit den Frauen in einer Gruppe kunsttherapeutisch arbeite, dann läuft im Hintergrund Musik. Wir hören bei unseren Sitzungen Lieder aus unterschiedlichen Ländern und erfahren so gemeinsam mehr über die jeweilige Kultur. In der Regel bestehen die Gruppen aus Klientinnen von 4 bis 8 verschiedenen Nationen.

Wenn man mit Menschen aus anderen Herkunftsländern arbeitet, ist auch wichtig, wie der Kunsttherapeut die Malübungen formuliert. Zum Beispiel: Vor Jahren absolvierte ich eine berufsbegleitende Weiterbildung in Kunsttherapie bei APAKT Hamburg. Die ersten zwei Jahren bestanden nur aus Selbsterfahrung. Unsere erste Übung war eine Vorstellungsrunde:

  • Schreiben Sie ihren Vorname und gestalten Sie das Blatt Papier.

  • Nehmen Sie ihre Lieblingsfarbe, schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, Sie sind wieder 7 Jahre alt.

  • Schreiben Sie jetzt ihren Name mit geschlossenen Augen.

Was machte ich? Da ich erst mit 22 Jahre aus Bulgarien nach Deutschland kam, schrieb ich meinen Name auf kyrillisch.

Diese Übung hat mich seinerzeit auf die Gedanken gebracht, dass eine Kunsttherapeutin besonders bei Menschen mit Migrationsgeschichten besonders genau überlegen sollte, wie sie die Übung formuliert! Wenn die Beschreibung der Übung beispielsweise gelautet hätte den Name mit geschlossen Augen zu schreiben, dann hätte ich ihn mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Solche Erkenntnissen sind für mich als Kunsttherapeutin sehr wichtig. Eine Malübung als Beispiel und auch als Einstieg geeignet, ist es "Fußball" zu spielen. Das kann abhängig von der Papiergröße als Paarübung oder mit mehrere Teilnehmerinnen gleichzeitig gespielt werden. Jede Teilnehmerin nimmt sich ihre Lieblingsfarbe. Als erstes zeichnen wir die Toren und in der Mitte des Blattes einen Ball. Dann schießen die Klientinnen mit Kreide, bunte Stiften usw. in das jeweils gegenüberliegenden Tor. So entwickelt sich ein ungeplantes Muster. Daraufhin bemalen die Teilnehmerinnen die sich ergebenden Flächen und entsteht durch einen unbewussten Prozess ein buntes Bild. Wenn das Bild fertig ist, lassen sich Figuren und Objekte erkennen. Dieses bereichert den kunsttherapeutischen Prozess signifikant und macht ihn bedeutsam.


Die Therapeut – Klient Beziehung kann als Begegnung zweier Kulturen angesehen werden. Es entsteht ein drittes Element, quasi eine Ergänzung und das ist– das Bild: „...die Kunsttherapie ermöglicht eine Beziehung zwischen Therapeut und Migrant jenseits jeder sprachlicher Grenzen...(Bollinger – Herzka, R. 2008. S. 38)“. Die Kunsttherapie hat ein großes Entwicklungspotenzial als nonverbale Methode auch in der Therapie mit Menschen aus anderen Herkunftsländern.

Meine Vision ist es Kunsttherapie auf internationaler Ebene aufzubauen und Methoden zu entwickeln. Dabei darf nicht nur die westlich-orientierte, industrielle Kultur berücksichtigt werden, sondern alle. Nach mehreren Jahren Erfahrung durch meine kunsttherapeutischer Arbeit mit internationalen Frauen in Deutschland, sehe ich enormes Potential. Ich habe deshalb vor, weiter in dieser Richtung zu forschen und freue mich über eine Zusammenarbeit mit interessierten Institutionen und Universitäten.




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Ich freue mich, Dich kennenzulernen. 


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